Liebe Leserinnen und Leser,

Wir sind durch die Passionszeit in der Karwoche angekommen. Noch immer  mit Schrecken und Entsetzen dass Putins Krieg gegen die Ukraine real geworden ist. Unvorstellbar: Krieg in Europa! Wo wir so viele Jahre den Frieden beschworen haben! Stattdessen Verwüstung, unsagbares Leid, Millionen von Flüchtlingen, Zerstörung und Tod. Und wir weithin ratlos, wütend, ohnmächtig, verzweifelt.

Auf der anderen Seite: Frühling – Ostern – Hoffnung auf Leben.

Wir atmen auf, die Pandemie hat für dieses Frühjahr, so hoffen wir, ihr Schreckensbild mit Ängsten – Sorgen – Zweifeln und Einschränkungen gemildert.

Der Karfreitag kommt noch. Wir können ihn nicht einfach auslassen.
Der Todestag Christi bleibt der besinnlichste Tag im Jahr.
Auch damals war er wohl nicht begehrt. Der Hochverrat – Jesus vor Pilatus – das kennen wir: feige Typen. Für ein paar Silberlinge oder ähnliche Gelder,  an der Hintertür verhandeln, nicht weniger belastend: leugnen der eigenen Erkenntnisse. Das Volk jubelt! Es ist ja so einfach mitzumachen und der herrschenden Meinung zuzustimmen.

Später, als die Besatzungsmacht ihre Hände in Unschuld wäscht, stocke ich. Die Erkenntnis über die Parallelität der Ereignisse ist so nah.

Die Frauen sind dabei. Sie bleiben, ob verhöhnt oder verspottet, sie waren einfach da wie eine Mahnwache. Noch heute ein starkes Zeichen. Mancherorts braucht das schon wieder Mut. Die Freunde Jesu in Verzweiflung, die doch bei ihm bleiben wollten, die seinen Erfolg und seine Zukunft mit erarbeitet hatten, verstecken sich. Wenn es darauf ankommt sind es nicht mehr viele – leider. Und schließlich die Frauen, die zum Grab gingen. Sie wollten Jesus salben, ihn versorgen, so gut es noch ging. Auch das ist vertraut. Es ist manchmal so wenig, was noch möglich ist. Ach hätten wir doch …  Ein Schreck: das Grab damals ist leer. Ratlosigkeit und Entsetzen.

Es wird deutlich, unser Glaube richtet seinen Blick nicht nur auf das leere Grab, sondern auf das Leben in all seinem umfassenden Dasein. Auferstehung ins Leben! Was für eine Kraft, die uns am Leben erhält, die uns denken, atmen, lieben und leben lässt.

Am Sonntag hatte meine Urenkelin zweiten Geburtstag. Wir standen an ihrem Kindergrab. Sie war vor anderthalb Jahren plötzlich verstorben. Plötzlicher Herzstillstand, unendliche Betroffenheit bis heute. Mit den beiden Geschwistern stehen wir am Grab., kauen Gummibärchen, einige fallen auf das Grab. Die fünfjährige Schwester bemerkt: „Wie Schneeflocken.“ Mir wird kalt.

Es gibt soviel Kaltes um uns, Krankes, Schweres, Bedrückendes. Es hat nicht nur jeder sein Päckchen zu tragen, sondern auch sein Kreuz. Wir haben am Kindergrab eine große vor dem Wind geschützte Osterkerze aufgestellt. Zu den gedachten kalten Schneeflocken kommt Licht, Wärme und Trost. Die Familie glaubte an das Leben, glaubte! Mit dem Sterben des Kindes ist aber soviel vom eigenen Leben verloren gegangen.

Heute aufstehen geht wieder, essen auch, tägliche Arbeit seit Kurzem, nicht weniger aber auch nicht mehr. Ein Spaziergang ab und zu. Die Eltern, wir, spüren wieder das verloren gegangene Leben.

Ostern – Hoffnung auf das Neue. Es wird wärmer, heller, bunter, getroster inmitten aller sorgenvollen, bedrückenden Ängsten und Unsicherheiten.

Ich lese bei Tina Willms: „Ostern – am Morgen ist das Leben wieder aufgestanden, hat den Nachtvorhang beiseite geschoben und das Licht begrüßt. Komm steh auf, sagt es, und reicht mir seine Hand.“

Mit herzlichen Ostergrüßen Ihr Klaus-Dietrich Hofmann, Pfarrer i.R.